Zwangsarbeit im Raum Wunstorf

Kriegsgefangenen-, Zivilarbeiter- und Displaced-Persons-Lager im Raum Wunstorf

Drei Wohnräume des Wohnhauses auf dem Gutshof Hohls, Blumenau Nr. 17, dienten zunächst der Unterbringung eines 30-köpfigen polnischen Kriegsgefangenenarbeitskommandos. Sie trugen ihre Uniformen und wurden von einem bewaffneten Posten bewacht. Später wurde das Arbeitskommando gegen 12 ebenfalls polnische Zivilarbeiter ausgetauscht. Kriegsgefangene wie Zivilarbeiter mußten bei verschiedenen Bauern arbeiten. Sie bezogen Waschgeld und Verpflegung. Das Verlassen des Lagers Sonntags und am Abend soll ihnen erlaubt gewesen sein. Drei ukrainische und elf polnische Displaced Persons (DPs) befanden sich noch nach Kriegsende hier. Sie waren ehemalige Zivilarbeiter und lebten auf verschiedenen Bauernhöfen.[1]

Neben dem Kriegsgefangenenarbeitskommando 766 sind für Bokeloh mindestens zwei Displaced Persons Lager verbürgt. Eines diente der Unterbringung von 81 ehemaligen polnischen Kriegsgefangenen. In einem zweiten, sich am Kaliwerk befindenden, waren Sowjetbürger untergebracht. Außerdem waren hier auch noch 29 italienische, 16 polnische und ein französischer Zivilarbeiter gemeldet.[2]

Idensen Nr. 6, ein Steinbau bei Freise, diente der Unterbringung von 40 Zivilarbeitern von denen 94 % Polen und 6 % Ukrainer waren. Sie wurden gegen halb sechs geweckt um in der Landwirtschaft zu arbeiten. Außerdem beherbergte ein DP-Lager 73 polnische Kriegsgefangene.[3]

Ein 22-köpfiges polnisches Kriegsgefangenenarbeitskommando war in Klein-Heidorn Nr. 52 untergebracht. Es handelte sich um den aus Steinfachwerk bestehenden Saal der Gastwirtschaft Schüddekopf. Gegen Vergütung mußten die Kriegsgefangenen für ortsansässige Bauern arbeiten. Nach Kriegsende befanden sich noch 44 polnische und zwei russische Zivilarbeiter vor Ort.[4]

In einer Holzbaracke auf dem Mönchehof, Kolenfeld Nr. 107, waren bis zu 35 polnische Kriegsgefangene einquartiert. Das Arbeitskommando unterstand dem Stalag XI B Fallingbostel. Die Unterkunft war mit Stacheldraht eingezäunt und wurde Tag und Nacht von Landesschützen bewacht. Geweckt wurden die Gefangenen im  Sommer um 6 Uhr, im Winter um 7 Uhr morgens. Sie wurden von einem Wachmann bis zur Dorfmitte begleitet und gingen dann frei zu ihren Arbeitsstellen im Handwerk und in der Landwirtschaft. Gegen 20 Uhr hatten alle wieder im Lager zu sein. Das Verlassen des Lagers am Abend oder Sonntags war nur mit einem Urlaubsschein möglich. Die Arbeit im Handwerk wurde mit 28 RM, in der Landwirtschaft mit 20 RM monatlich vergütet. Nach Kriegsende waren noch 86 polnische Kriegsgefangene in einem DP-Lager und 21 polnische Zivilarbeiter auf verschiedenen Bauernhöfen registriert.[5]

In Luthe hat es evtl. bis zu vier Zwangsarbeiterlager gegeben. Adolf Osterheld beschäftigte in seiner Asbestzementfabrik Fulgurit in Eichriede von 1940 bis 1942 fünfzig belgische und französische Kriegsgefangene. Im Jahre 1942 wurden 85 russische Kriegsgefangene eingesetzt. 80 Ostarbeiter wurden von 1942 bis 1945 beschäftigt und ab 1943 bis 1945 kamen noch 220 italienische Militärinternierte hinzu. Für die Unterbringung wurde eine Steinbaracke außerhalb des Werkes genutzt, die sich auf dem Grundstück Nr. 182, an der heutigen Abzweigung der Albert-Einstein-Straße von der Adolf-Osterheld-Straße befunden hat. Sie war von einem Stacheldrahtzaun umgeben und wurde Tag und Nacht von bewaffneten Wehrmachtsangehörigen bewacht. Gearbeitet wurde täglich 8 Stunden in Wechselschicht in den verschiedenen Werksbereichen. Ab und an wurden Appelle abgehalten. Der etwa 200 Meter lange Weg vom Lager zur Fabrik wurde zu Fuß und unter Bewachung zurückgelegt. Während der vergüteten Arbeitszeit standen die Zwangsarbeiter unter der Beobachtung durch Streifenposten. Ab 1944 durften sie sich Abends und Sonntags frei außerhalb des Lagers bewegen. Aus der Beziehung einer Frau vom Kantinenpersonal zu einem italienischen Militärinternierten ist ein Kind hervorgegangen. Nach dem Kriege wurde das Lager zunächst für die Unterbringung von DPs genutzt. Es handelte sich um 151 italienische Kriegsgefangene und um 26 ukrainische und fünf polnische Zivilarbeiter. Danach diente die Baracke als Flüchtlingsunterkunft.[6]

 

Barackenlager der Fulguritwerke aus westlicher Perspektive , 1956 [7]

 

Personal der Fulgurit-Kantine und Wachmannschaft des Fulgurit-Lagers, undatiert [8]

 

Barackenlager der Fulguritwerke aus östlicher Perspektive, 1956 [9]

Ein weiteres Kriegsgefangenenarbeitskommando mit bis zu 30 Franzosen und wahrscheinlich zwei Belgiern, von denen einer in der Schlosserei der Fulguritwerke gearbeitet hat, war in einer Holzbaracke und/oder im Saal des Gasthauses Wehrmann auf dem Grundstück 66 untergebracht. Das Lager war von einem Stacheldrahtzaun umgeben und wurde Tag und Nacht von bewaffneten Wehrmachtsangehörigen bewacht. Die mit ihren Uniformen bekleideten Kriegsgefangenen arbeiteten gegen Vergütung in einem etwa 50 Meter entfernt liegenden holzverarbeitenden Betrieb. Sie wurden eine Stunde vor Arbeitsbeginn geweckt. Die Arbeitszeit betrug 8 bis 10 Stunden täglich. Von Zeit zu Zeit wurden Appelle abgehalten. Bis 1944 wurden sie noch von einem Posten zur Arbeit begleitet. Danach gingen sie unbegleitet und durften sich auch Abends und Sonntags außerhalb des Lagers bewegen.[10]

Das Kriegsgefangenenarbeitskommando 1851 bestand aus 23 Personen, von denen der Belgier Yvan R., Kriegsgefangenennummer 51.040, bei Wehrmann gearbeitet hat. Evtl. ist es auch mit dem bei Wehrmann untergebrachten Arbeitskommando identisch.[11]

Zeitzeugen haben auch über ein Zwangsarbeiterlager bei der Kesselfabrik Nolte berichtet. In einem weiteren DP-Lager waren 18 ehemalige polnische Kriegsgefangene einquartiert. Evtl. handelt es sich um das Lager bei der Kesselfabrik Nolte.[12]

Neben dem Kriegsgefangenenarbeitskommando 1685, gab es in Mesmerode noch das in einem Steinbau bei Freise Nr. 6 untergebrachte Arbeitskommando 1735. Die 170 Kriegsgefangenen, 70 % Franzosen und 30 % Russen, wurden zu Flußregulierungsarbeiten eingesetzt. Außerdem gab es nach Kriegsende ein DP-Lager mit 35 polnischen Kriegsgefangene.Sechs polnische und zwei russische Zivilarbeiter wohnten in den Häusern Nr. 2, Nr. 8, Nr. 12 und Nr. 23.[13]

Das Kriegsgefangenenarbeitskommando 2163 war in einem Steinbau auf dem Gelände der Fabrik Seegers & Söhne in Steinhude einquartiert. Die 21 Kriegsgefangenen, zuerst Franzosen danach Serben, mußten in der Landwirtschaft arbeiten. Außerdem gab es im Ort noch das Kriegsgefangenenarbeitskommando 1811.[14]

Ein Steinbau auf dem Gelände der Firma SOLO-Feinfrost in Wunstorf diente der Unterbringung von 40 Zivilarbeiterinnen. Das Gebäude bestand aus einem langen Flur mit 10 bis 15 hintereinander liegenden Räumen. 1941 waren hier nur Holländerinnen, 1942 Holländerinnen und Kroatinnen, 1943 bis 1945 nur Ukrainerinnen eingesetzt.

Die Wunstorfer Cement-Werke beschäftigten Kriegsgefangene und Zivilarbeiter, die in drei Steingebäuden auf dem Werksgelände untergebracht waren. Es handelte sich um 45 weibliche russische, sowie 35 ukrainische und italienische Zivilarbeiter in zwei Steingebäuden. Das in dem dritten Bau  untergebrachte Kriegsgefangenenarbeitskommando, bestand anfangs aus 40 belgischen, später dann aus 20 französischen Kriegsgefangenen. Diese Gebäude dienten nach dem Kriege als DP-Lager für die Unterbringung von 80 italienischen Kriegsgefangenen und 80 sowjetischen Zivilarbeitern.

Eine Holzbaracke in der Feldstraße diente als Unterkunft des dem Stalag XI B Fallingbostel unterstehendem Kriegsgefangenenarbeitskommando 1362. Es bestand aus etwa 70 Franzosen.

Eine zum Restaurant Jahns gehörende Fachwerkscheune beherbergte bis 1941 fünfunddreißig polnische Kriegsgefangene. Danach war dort dieselbe Anzahl polnischer Zivilarbeiter untergebracht. Sie mußten in der Landwirtschaft arbeiten.

Das aus 50 bis 60 Personen, 85 % Franzosen und 15 Belgier, bestehende Kriegsgefangenenarbeitskommando 1735 war in einem zur Mühle Langhorst gehörenden Holzfachwerkgebäude untergebracht. Es wurde u. a.in der Landwirtschaft eingesetzt.

Außerdem sind noch die Kriegsgefangenenarbeitskommandos 6 und 1367 auf oder am Fliegerhorst Wunstorf bekannt.

In den DP-Lagern Hindenburgstraße 5 und Mühle lebten 15 Franzosen und ein Belgier.55 polnische Zivilarbeiter wohnten im DP-Lager Holste Werke und arbeiteten als Mechaniker in einer Werkstatt des 30. Corps der britischen Militärregierung.

Außerdem lebten  67 litauische, zehn polnische, zwei ukrainische, zwei holländische und ein russischer ehemaliger Zivilarbeiter teilweise auf Bauernhöfen.[15]

 

© Helge Kister, 2009/2010



[1] Foto 3 Nr. 694 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

War Diary of 910 Mil. Gov. Det., In: Brieden/Dettinger/Hermann/Kister/Richter; Menschen im Toten Moor. Natur- und Sozialgeschichte des Sumpfes am Steinhuder Meer, Verlag Region und Geschichte, Neustadt 2001

[2] Aus: Arbeitskreis Geschichte Garbsen (Hrsg.); Ein unrühmlicher Fall - Zwangsarbeiter und Displaced Persons in Frielingen; Garbsen 1995

Aus: Brieden/Dettinger/Hirschfeld; Neustadt 1945 - 1949. Nachkriegszeit in der Provinz, Internationalismus Verlag, Hannover 1987

War Diary of 910 Mil. Gov. Det., In: Brieden/Dettinger/Hermann/Kister/Richter; Menschen im Toten Moor.

Natur- und Sozialgeschichte des Sumpfes am Steinhuder Meer, Verlag Region und Geschichte, Neustadt 2001

[3] Foto 3 Nr. 893 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

War Diary of 910 Mil. Gov. Det., In: Brieden/Dettinger/Hermann/Kister/Richter; Menschen im Toten Moor. Natur- und Sozialgeschichte des Sumpfes am Steinhuder Meer, Verlag Region und Geschichte, Neustadt 2001

[4] Foto 3 Nr. 894 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

Aus: Brieden/Dettinger/Hirschfeld; Neustadt 1945 - 1949. Nachkriegszeit in der Provinz, Internationalismus Verlag, Hannover 1987

War Diary of 910 Mil. Gov. Det., In: Brieden/Dettinger/Hermann/Kister/Richter; Menschen im Toten Moor. Natur- und Sozialgeschichte des Sumpfes am Steinhuder Meer, Verlag Region und Geschichte, Neustadt 2001

[5] Foto 3 Nr. 895 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

Aus: Brieden/Dettinger/Hirschfeld; Neustadt 1945 - 1949. Nachkriegszeit in der Provinz, Internationalismus Verlag, Hannover 1987

War Diary of 910 Mil. Gov. Det., In: Brieden/Dettinger/Hermann/Kister/Richter; Menschen im Toten Moor. Natur- und Sozialgeschichte des Sumpfes am Steinhuder Meer, Verlag Region und Geschichte, Neustadt 2001

[6] Foto 3 Nr. 897 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

Neuber, Dirk; E-Mail vom 02.10.2009 an den Autor

Aus: Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Widerstandes 1933 - 1945 und das Präsidium der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (Hrsg.); Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Niedersachsen II Regierungsbezirke Hannover und Weser-Ems, Pahl-Rugenstein Verlag 1986

Aus: Brieden/Dettinger/Hirschfeld; Neustadt 1945 - 1949. Nachkriegszeit in der Provinz, Internationalismus Verlag, Hannover 1987

War Diary of 910 Mil. Gov. Det., In: Brieden/Dettinger/Hermann/Kister/Richter; Menschen im Toten Moor. Natur- und Sozialgeschichte des Sumpfes am Steinhuder Meer, Verlag Region und Geschichte, Neustadt 2001

[7] Stadtarchiv Wunstorf

[8] ebd.

[9] ebd.

[10] Foto 3 Nr. 898 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

Neuber, Dirk; E-Mail vom 08.10.2009 an den Autor

[11] Aus: Arbeitskreis Geschichte Garbsen (Hrsg.); Ein unrühmlicher Fall - Zwangsarbeiter und Displaced Persons in Frielingen; Garbsen 1995

Neuber, Dirk; E-Mails vom 30.09.2009 und 08.10.2009 an den Autor

War Diary of 910 Mil. Gov. Det., In: Brieden/Dettinger/Hermann/Kister/Richter; Menschen im Toten Moor. Natur- und Sozialgeschichte des Sumpfes am Steinhuder Meer, Verlag Region und Geschichte, Neustadt 2001

[12] Neuber, Dirk; E-Mail vom 30.09.2009 an den Autor

[13] Aus: Arbeitskreis Geschichte Garbsen (Hrsg.); Ein unrühmlicher Fall - Zwangsarbeiter und Displaced Persons in Frielingen; Garbsen 1995

Foto 3 Nr. 904 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

Aus: Brieden/Dettinger/Hirschfeld; Neustadt 1945 - 1949. Nachkriegszeit in der Provinz, Internationalismus Verlag, Hannover 1987

War Diary of 910 Mil. Gov. Det., In: Brieden/Dettinger/Hermann/Kister/Richter; Menschen im Toten Moor. Natur- und Sozialgeschichte des Sumpfes am Steinhuder Meer, Verlag Region und Geschichte, Neustadt 2001

[14] Foto 3 Nr. 312 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

[15] Foto 3 Nr. 924, Nr. 925, Nr. 926, Nr. 927, Nr. 929, Nr. 930 (Archiv de Service des Victimes de la Guerre, Brüssel) Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

NDS 1241 Osterheide Acc. 011/2006 Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

War Diary of 910 Mil. Gov. Det., In: Brieden/Dettinger/Hermann/Kister/Richter; Menschen im Toten Moor. Natur- und Sozialgeschichte des Sumpfes am Steinhuder Meer, Verlag Region und Geschichte, Neustadt 2001

Aus: Ein unrühmlicher Fall - Zwangsarbeiter und Displaced Persons in Frielingen, Arbeitskreis Geschichte Garbsen, 1995