Lagerführer Nettelroth

Raised in the fields in the back of beyond, I was holed into position as the prodigal son, I was not Abel - I was a Cain; the kind you find a use for every now and again ...“

 (New Model Army - Whites of their eyes)

 

 Lagerführer Emil Wilhelm Nettelroth - Eine Polemik

War die seit 1926 von Generaldirektor Julius Dorpmüller geleitete Deutsche Reichsbahngesellschaft mit ihrer strengen Hierarchie und strikten Aufgabenteilung, ihren größtenteils national gesinnten, mit hohem Pflichtbewußtsein ausgestatteten staatstreuen Angestellten und Beamten ein Paradigma für die betriebliche Gleichschaltung in Deutschland nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten (der Widerstand und die Verfolgung einiger Reichsbahner wie dem Zugführer und Gewerkschafter August Bödecker aus Lehrte, der am 10. Oktober 1944 im KZ Neuengamme ums Leben kam, soll hier weder geschmälert noch verschwiegen werden), so gilt ähnliches für den Reichsbahner Emil Wilhelm Nettelroth - einem Nobody vom Arsch der Welt.

Ob Nettelroths Karriere durch den Nationalsozialismus besonders begünstigt wurde, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall war er anpassungsfähig. Ein Opportunist der den Schulterschluß mit allen übte, die für sein Fortkommen wichtig waren.

Geboren am 17. Oktober 1895 in Beinhorn im Kreis Burgdorf, enstammte er einer elfköpfigen Bauernfamilie. Von 1902 bis 1910 besuchte er in Kohlshorn die Volksschule die er anscheinend ohne Abschluß absolvierte. Von 1915 bis 1918 stritt er für Kaiser und Vaterland auf dem Felde der Ehre, das er ohne Blessuren aber mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse wieder verließ. Durch seine vielköpfige Geschwisterschar bedingt, gab es für ihn keine Möglichkeit den väterlichen Hof weiter zu führen. Deshalb verdingte er sich ab September 1919 als Bahnunterhaltungsarbeiter bei der Bahnmeisterei 8 der Deutschen Reichsbahn in Lehrte. 1920 heiratete er. Er wurde Vorarbeiter, dann nach einer Prüfung Aushilfs- bzw. Hilfsrottenführer. Bei einer bahnärztlichen Untersuchung wurde bei ihm eine Farbenblindheit festgestellt, was das Aus für seine Karriere im äußeren Bahndienst bedeutete. Ab Oktober 1928 trat er den inneren Dienst bei derselben Dienststelle an. Nebenher besuchte er fünf Semester lang die Eisenbahnfachschule in Hannover. Nach der bestandenen Abschlußprüfung, die Telegraphie, Stenographie und Rechnungsdienst umfaßte, wurde er als Beamter übernommen.

Er trug nun den Dienstgrad eines sogenannten Hilfsbeamten und verdiente etwa 185 Reichsmark monatlich. Ab Januar 1935 war er Betriebsassistent, dann Betriebsrat. 1937 erwirbt er mit dem Erbteil seiner Frau ein Stück Gartenland. Ab Mai 1941 ist er Reichsbahnsekretär. Wegen seiner vielseitigen Verwendbarkeit wurde Nettelroth im September 1942 trotz seiner angeblich mehrmaligen Ablehnung dienstlich angewiesen, die Leitung des entstehenden Gemeinschaftslagers IDA zu übernehmen. Für diesen Heimateinsatz bekam er das Kriegsverdienstkreuz verliehen. Nach der Kapitulation im Mai 1945 wurde Nettelroth dann mit verschiedenen Aufgaben außerhalb des Reichsbahnbetriebes betraut. Soll wohl heißen, dass er wegen seiner Tätigkeit als Lagerführer zeitweise von der Bildfläche verschwinden musste. Nach kurzer Zeit wurde er dann aber wieder als Bürobeamter zurückgerufen und nach Peine versetzt. Danach wieder nach Lehrte, um das mittlerweile sich in der Hand der Alliierten befindende Lager abzuwickeln. Mitte Juli 1945 wurde er im Zuge der ersten Betriebssäuberungsaktion aus dem Reichsbahndienst entlassen und interniert. Bis dato hatte er bis zu 344 Reichsmark im Monat verdient. Etwa ein dreiviertel Jahr später, Mitte April 1946, kam er wieder frei. Im Sommer 1947 begann vor der Deutschen Entnazifizierungskammer für den Landkreis Burgdorf ein Entnazifizierungsverfahren um seine Person.

Wohl in weiser Vorraussicht auf das kommende Ereignis, hatte Nettelroth schon Mitte 1945 begonnen Persilscheine wie Lebensmittelkarten zusammenzusammeln. Ein Paradebeispiel von ganz besonderer Güte legte der Schrankenwärter Karl P. vor, das ich der werten Leserschaft nicht vorenthalten möchte:

 „... Wie Herr Nettelroth  um seine gesamten Ausländer bemüht war, mag nachstehendes Vorkommnis kurz beleuchten. Herr N. hatte sich entschlossen zu Weihnachten 1943 neben anderen Sondergaben schönen Butterkuchen - Platenkuchen - allen Ausländern und Gefangenen, die er zu betreuen hatte, zu verabreichen. Der wunderbar geratene Kuchen war dann auch mit viel Mühe und Aufwand bei der Firma Nordmann in Lehrte gebacken worden. Eine bekannte Frau, die dieses außergewöhnliche Großgebacke gewahr geworden war, war zum Ortsgruppenleiter und Bürgermeister in Lehrte gelaufen und hatte aus vielerlei Gründen dort händeringend erklärt, der Lagerführer N. hätte für seine Ausländer schönen Kuchen backen lassen, sie hätte die Zutaten selbst gesehen. Der Ortsgruppenleiter der N. sowieso wegen der guten Ausländerbetreuung nicht gut gesonnen war, rief sofort beim Lagerführer N. mit zynischen Worten an: „Sie haben für die Ausländer Kuchen backen lassen! Was fällt Ihnen ein? Der Kuchen ist beschlagnahmt.“ Lagerführer N. wehrte sich sofort energisch gegen diese Beschlagnahmung und erwiderte u. a.: „Wenn Sie den Kuchen beschlagnahmen, dann ist das reiner Diebstahl von Ihnen.“ Darauf der Ortsgruppenleiter: „Halten Sie Ihren Mund oder ich lasse Sie sofort polizeilich abführen und einsperren. Ich, als Ortspolizeibehörde habe die Macht dazu, merken Sie sich das“ und knallte den Hörer wutschnaubend auf. Herr N., der gerade, als vorstehendes Gespräch in der Mittagszeit ankam, zum Zuge wollte, um an der Beerdigung einer nahen Verwandten in Celle teilzunehmen, setzte sich sofort mit allen zuständigen Stellen in Verbindung und ermöglichte es, daß der Kuchen gegen 18 Uhr vom Ortsgruppenleiter wieder freigegeben war. So konnten die 196 Platenkuchen (halbes Pfund Öl drin und halbes Pfund Butter drauf) ins Lager geschafft werden. Tags darauf, am Heiligabend wurde dieser Kuchen neben einem halben Pfund Honig, 6 bis 8 schönen Äpfeln, einer schmackhaften Mettwurst von 100 Gramm, 30 Zigaretten und Süßigkeiten für die Kinder in pietätvoller Art zusätzlich verteilt. Die Freude und der Dank war dann auch in den Gesichtern aller Lagerbewohner zu sehen.

Ein großer Tannenbaum mit elektrischer Beleuchtung am Lagereingang, zwei im großen Eßsaal und in jeder Stube ein Bäumchen gaben dem Fest jährlich ein besonderes Gepräge. Daß es für die Feiertage ein wirkliches Festessen gab, war selbstverständlich. Erwähnt sei noch, daß jeder Lagerbewohner täglich zum Mittagessen unbeschränkt sein Bier oder Brause trinken konnte, daß beispielweise die Essensausgeberinnen bei der Essensausgabe saubere weiße Häubchen, die von der Lagerführung vorgehalten wurden, tragen mußten. Auch auf die Darbietung des Essens legte der Lagerführer großen Wert. Jedenfalls hat Herr N. für seine zu betreuenden Ausländer mehr getan als damals vorgeschrieben war. Damit hat Herr N. oft gegen die damaligen Bestimmungen zum Wohle der Ausländer verstoßen ...“.

Wieviele Zivilarbeiter und Kriegsgefangene sich diese milde Gabe teilen mußten, läßt sich im Moment noch nicht überblicken. Nicht zu übersehen ist allerdings, daß hier nicht nur eindeutig herumgeschleimt, sondern Nettelroth einem unterschwellig auch noch als Widerständler verkauft wird.

Sein Gartennachbar Heinrich B. befindet dann allerdings schon mehrdeutiger, daß Nettelroth „... immer fleißig und anständig gewesen ist und seine gesamte Lebensführung und Lebenshaltung nur auf seinen Eisenbahndienst und auf seine Familie gerichtet hat. Er ist vor der Nazizeit niemals politisch hervorgetreten ...“.

Auch die eher belanglose Aussage der estnischen Lagerkrankenschwester Heli R., das Krankenhaus im Gemeinschaftslager ... enthielt neben der Männer- und Frauenstation, eine besondere, vollkommen eingerichtete Entbindungsstation, wo für Mutter und Kind - gleich welcher Nation diese angehörten - in jeder Hinsicht ordnungsgemäß gesorgt wurde ...“, erscheint in der Rückschau mit dem Wissen um die vorbehaltlose Tötung von im Deutschen Reich von Ostarbeiterinnen und Polinnen geborenen Kindern in einem gänzlich anderen Licht.

Im Dezember 1947 kam die Entnazifizierungskammer jedoch zu der Auffassung, dass Nettelroth „... nicht würdig sei, im öffentlichen Dienst beschäftigt zu werden, da er als Aktivist galt, der jeden, der nicht mit erhobener Hand und „Heil Hitler“ grüßte, rücksichtslos angehalten hat und zum Teil auch zur Meldung brachte...“.

Ausserdem war der 1,70 Meter große, 70 Kilogramm schwere, blonde Vater von vier Kindern Mitglied in sechs nationalsozialistischen Organisationen. Unter anderem war er von 1933 bis 1945 in der NSDAP, wo er Block- und Zellenleiterpositionen inne hatte, sowie Gruppenführer bei der Bahnschutzreserve mit der Aufgabe Brücken- und Bahnanlagen zu bewachen. Nettelroth mußte nun also vorerst sein Geld als Fördermann bei der Wintershall AG in Lehrte verdienen.

Ein Jahr später wurde er nach einem weiteren Beschluß des Entnazifizierungshauptausschusses in die Kategorie IV mit der Beschränkung des passiven Wahlrechtes auf fünf Jahre eingereiht und durfte wieder als Reichsbahnobersekretär arbeiten. Im März 1977 zog er nach Landringhausen bei Barsinghausen und starb dort am 28. Juni 1985.

Nachzutragen wäre noch, dass von Gästen des Lagerführers verfasste Einträge wie „...Die Stimmung unter meinen Niederländern ist sehr gut, was hauptsächlich der gute (sic!) Führung und prima Verpflegung zu verdanken ist...“, in einem vor ein paar Jahren von einem Lehrter Einwohner auf dem Flohmarkt am Hohen Ufer in Hannover entdeckten Gästebuch des Gemeinschaftslagers - unter anderem trugen sich hier eine Hebamme, Ärzte, Reichsbahn- und Polizeibeamte ein - die Schönfärberei der Persilscheine vorwegnahmen.

Zeitzeugenberichte von Gästen des Führers über das Leben unter der „... festen Hand und ...“ dem „ ...weichen Herzen...“ oder besser unter Zuckerbrot und Peitsche Nettelroths, sind leider nicht überliefert. Es gibt sie nur in gefilterter Form als polizeiliche Vernehmungsprotokolle in 14 Sondergerichtsakten. Die Besuche der Kriminalbeamten im Gemeinschaftslager IDA waren nämlich in erster Linie nicht kulinarischer sondern dienstlicher Natur. Sie führten zu Verhaftungen und zwar von Zivilarbeitern. Sie wurden vor das Sondergericht Hannover gestellt. Das Delikt war meist Lebensmitteldiebstahl, der Antrieb wie im Falle des Niederländers Cornelius H.: Hunger![1]

 

 © Helge Kister, 2010



[1]Aus: DB Museum (Hrsg.); Im Dienst von Demokratie und Diktatur. Die Reichsbahn 1920 - 1945. Geschichte der Eisenbahn in Deutschlands, Band 2. Katalog zur neuen Dauerausstellung des DB Museums, Gesamtübersicht; 2002

Aus: Gottwaldt, Alfred; Eisenbahner gegen Hitler. Widerstand und Verfolgung bei der Reichsbahn 1933 - 1945; Marixverlag, Wiesbaden 2009

In: Anschütz, Janet/Heike, Irmtraud; „Unerwünschte Elemente“ - Die toten Kinder Hannoverscher   Zwangsarbeiterinnen - Opfer der nationalsozialistischen Rassenpolitik; Aus: Anschütz, Janet/Fischer, Stephanus/Heike, Irmtraud/Wächter, Cordula; Gräber ohne Namen. Die toten Kinder Hannoverscher Zwangsarbeiterinnen; VSA-Verlag, Hamburg 2006

Hann. 171a Hann. Acc. 28/66 Nr. 157 Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

Hann. 171a Hann. Acc. 107/83 Nr. 525, Nr. 835, Nr. 804, Nr. 841, Nr. 844, Nr. 874, Nr. 919, Nr. 946, Nr. 986, Nr. 1001, Nr. 1034, Nr. 1041, Nr. 1064, Nr. 1075 Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv  Hannover

Einwohnermelderegister, Stadt Barsinghausen

Gästebuch des Gemeinschaftslager IDA, Privatbesitz