Cornelius H.

Sieben Monate für ein Päckchen Kekse - 15 Monate für zwei Eier

Der Niederländer Cornelius H. wurde am 19. Januar 1921 als zweites von insgesamt sechs Kindern in Halsteren geboren. Sein Vater Josef war Landwirt, seine Mutter Johanna wahrscheinlich Hausfrau. Cornelius H. besuchte vom sechsten bis zum 14. Lebensjahr die Volksschule. Nach dem er die Schule beendet hatte, arbeitete er in der Landwirtschaft und als Bauarbeiter.

Mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939, beginnt der Zweite Weltkrieg. 1940 werden Belgien, Dänemark, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und Norwegen besetzt. Zu diesem Zeitpunkt gab es in den Niederlanden 271.000 Erwerbslose, so dass es den deutschen Besatzern zunächst nicht schwer fiel, 100.000 Niederländer für den Arbeitseinsatz in Deutschland anzuwerben. Zu ihnen gehörte auch Cornelius H., der ab Oktober 1940 als Erdarbeiter beim Bau der Reichsautobahn in Bad Nenndorf beschäftigt wird. Ende 1940 und Anfang 1941 kommt es zu Streiks und Demonstrationen gegen die antijüdischen Maßnahmen der Besatzer und die Verpflichtung holländischer Erwerbsloser zur Zwangsarbeit in Deutschland.

Im Laufe des Jahres 1941 überfällt die Wehrmacht Griechenland, Jugoslawien und die Sowjetunion.

Ab März 1942 werden Niederländer zum Arbeitseinsatz in Deutschland dienstverpflichtet.

Im Oktober 1942 wird Cornelius H., der seit April als Güterbodenarbeiter in der Güterabfertigung des Hauptgüterbahnhof Hannover arbeitet, zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Der Grund: Er hatte ein Päckchen Kekse gestohlen.

Zivilarbeiter wurden generell schlechter ernährt als die deutsche Bevölkerung. 1943 betrug die offizielle Wochenration für in Lagern untergebrachte schwerarbeitende Westarbeiter, zu denen auch der Niederländer Cornelius H. gehörte, 600 g Fleisch, 319 g Fett und 3825 g Brot. Da diese Minderrationen meist nicht der Realität entsprach, war es kein Wunder, daß oft Lebensmittel gestohlen wurden.

Während Cornelius H. noch in Haft sitzt werden im Mai 1943 aus Holland Menschen der Jahrgänge 1922 bis 1924 nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt. Ende Juli wird Cornelius H. aus der Haft entlassen. Noch im selben Jahr wird Italien besetzt.

Am 8. August 1944 wurden Cornelius H. und mehrere seiner Arbeitskollegen der Umladerampe in Lehrte zugeteilt und im Gemeinschaftslager IDA in Ahlten einquartiert. Er wird als Vorarbeiter angestellt und bekommt 180 RM monatlich für seine Arbeit.

Am 13. August 1944 wurde Cornelius H. erneut wegen Diebstahls angezeigt. Im Vernehmungsprotokoll heißt es:

Cornelius H. wird am 24. Oktober 1944 vom Sondergericht Hannover wegen schweren Diebstahls zu 15 Monaten Zuchthaus und zwei Jahren Ehrverlust verurteilt. Die Haft soll er in Celle absitzen. In der Urteilsbegründung heißt es:

Im Herbst 1944 werden noch einmal etwa 140.000 Holländer nach Deutschland deportiert. Die Menschen wurden teilweise von der Straße weggefangen oder beim Kirchgang verhaftet. Insgesamt mußten etwa 500.000 Niederländer für das nationalsozialistische Deutschland arbeiten. Mit dem Einmarsch der Alliierten Anfang April 1945 wurde Cornelius H. aus der Haft entlassen und ist wahrscheinlich in seine Heimat zurückgekehrt. [1]

 

© Helge Kister, 2009

 

[1] Hann. 171a Hann. Acc. 107/83 Nr. 1034, Niedersächsisches Landesarchiv Hauptstaatsarchiv Hannover

Aus: Spoerer, Mark; Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und

Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939 - 1945; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart München 2001

Interview mit H., Herman, 11.08.2007, Terneuzen, Niederlande